L-Tagebuch

Frühmorgens kam schon der erste Besuch. Hey, lustig, da haben wir doch gleich wieder Spaß! Doch nichts war`s mit Spaß - als die Leute wieder wegfuhren, waren wir nur noch 10... Die haben doch glatt meinen Bruder geklaut! Auch unsere Mama war ganz verwirrt, doch Frauchen erklärte uns, dass es nun Zeit sei, die große weite Welt kennenzulernen. Wir kämen alle zu ganz lieben Leuten, die wir ja schon kennengelernt hatten und die uns ganz sicher total verwöhnen würden. Klingt ja toll, aber wieso können wir das nicht alle zusammen machen?

Na ja, muss wohl so sein. Also haben wir die Zeit zusammen noch ausgenützt und ganz fest miteinander gekuschelt. Und es wurde leerer und leerer... unsere Mama nahm es in der Zwischenzeit schon recht gelassen. Nur Frauchen machte ein trauriges Gesicht. Jetzt waren nur noch ich und meine Schwester übrig und ich rutschte auf meinem Popo aufgeregt hin und her, denn ich wußte ja nicht, ob mein Plan aufgehen würde. Immerhin hatte ich wochenlang hart daran gearbeitet. Dann war es soweit: meine Schwester wurde abgeholt und kein Auto kam mehr. Wird mein Traum in Erfüllung gehen? Ich setzte mich vor Frauchen und sah sie erwartungsvoll an. "ja, mein Schatz, du darfst hier bei deiner Mama und deiner großen Familie bleiben!" Das waren die Worte, auf die ich gewartet hatte! Vor Freude drehten meine Mama und ich ein paar Runden im Garten, dann kuschelte ich mich ganz fest an Mama und schlief selig ein.

Natürlich wollen wir auch das Geheimnis lüften, wer 8 Wochen lang aus unserer Kinderstube berichtet hat: Mein Name ist "Lady Chatterley", gerufen werde ich Madita, meine Bändchenfarbe war rosa und wie man auf den ersten Bildern sehen kann, habe ich es meiner Mama schon sehr früh ins Ohr geflüstert, dass ich gerne bei ihr bleiben möchte!   

Na, das war aber eine heftige Woche! Das artet ja beinahe in Stress aus! Zuerst dieses "Fotoshooting", wie sie es nennen. War das doof! Keine Ahnung, warum so viele Menschen denken, dass Model sein ein "Traumjob" ist. 1. hübsch aussehen - ganz natürlich und von Natur aus geht natürlich gar nichts. Da wird schon ordentlich nachgeholfen. Wir Hunde wurden gekämmt und gebürstet (Gott sei Dank nicht gebadet und getrimmt). 2. Posieren - nie die Geduld verlieren, auch wenn es noch so lange dauert und hunderte Male die selbe Pose verlangt wird, dabei immer natürlich und nie gestresst wirken. Funktioniert bei uns natürlich nicht...Einige hatten null Bock auf dieses blöde Stehen, immer wieder hat uns Frauchen mal da ein Bein, mal dort ein Bein korrigiert. Sehr hilfreich war da diese leckere Paste, die sie uns vors Schnäuzchen  gehalten hat, bei manchen ist der Hals seeeehr lang geworden 😂 Jetzt habe ich doch glatt die Vorstellung, was so ein menschliches Model wohl sagen würde, wenn man ihm zur Motivation so etwas Leckeres vor die Nase halten würde... (es darf gelacht werden). Dann endlich durften wir uns setzen, aber da wurde dann auch schon verlangt, dass wir süß und freundlich dreinschauen sollten. Na ja, manchen von uns sind fast schon die Augen zugefallen. Aber schlußendlich war alles im Kasten, alle Beteiligten fix und foxi, wir bekamen noch ein Leckerchen und durften endlich unseren Mittagsschlaf halten.

Am nächsten Tag war es dann wieder lustig. Wir machten einen kleinen Waldausflug, Frauchen spielte mit uns "Such den Fasan" (dieser Geruch weckte irgendwas in mir, ganz tief drinnen, es hat mich total überwältigt). Dann kam Frauchen wieder mal auf eine blöde Idee. "Versuchen wir doch mal ein paar Meter an der Leine zu laufen". Ich kann euch sagen, so doof! Da hängt man an irgendwas dran, was einen daran hindert, dorthin zu laufen, wohin man eigentlich möchte. Also das werde ich mir nicht gefallen lassen!

Und schon wieder wurde es stressig! Wir bekamen Besuch von einer sehr netten Dame und wollten eigentlich mit ihr spielen. Nichts da! Schon wieder mussten wir auf den Tisch. Da ich das ja schon vom Fotoshooting her kannte, wollte ich meine Professionalität beweisen und habe mich gleich richtig präsentiert. Ich wurde zwar sehr gelobt, aber als Belohnung bekam ich kein Leckerli sondern 2 Piekser in den Hals! Eine Frechheit sondergleichen! Das mussten dann alle meine Geschwister auch über sich ergehen lassen und ich muss sagen, es waren alle sehr, sehr tapfer. Nicht mal den Buben kam ein Laut über die Lippen, tapfere kleine Kerlchen! Dann wurden wir alle von der - eigentlich - netten Dame von Kopf bis Fuß untersucht. Das Ergebnis: alle kerngesund, alle Buben "richtige" Männer. Frauchen hat gestrahlt.

Zum Abschluss dieser Woche gab es nochmal eine "Kopf bis Fuß" Untersuchung. Wieder kam eine Dame - Frauchen hat gesagt, sie kommt vom Retrieverclub - und hat jeden von uns für gesund befunden. Sie war ganz entzückt, dass wir so mit ihr geschmust haben. Den Nachmittag hatten wir dann eindlich frei zum Spielen und Toben. Das müssen wir ausnützen, wir ahnen, dass wir nicht mehr lange gemeinsam spielen können und bald die große Reise beginnt... 

Baden und Planschen war angesagt. Das war ein Spaß! Mama hat uns gezeigt, dass man mit Wasser viel mehr machen kann als trinken. Sooo lustig! Anfangs waren einige von uns noch vorsichtig - ein Pfötchen eingetaucht, igitt, das ist nass! Ja, auch Buben können kleine Zicken sein... Aber bald haben wir gemerkt, wie toll es ist, zuerst ein Vollbad zu nehmen und dann ab um die Ecke unter den großen Busch, wo wir ja schon einige passende Schlaflöcher in der kühlen Erde gebuddelt haben, ein bißchen wälzen, spielen und dann wieder ab ins Wasser. Frauchen hat gemeint: lieber dreckige und glückliche Welpen als sauber und traurig. Ich liebe mein Frauchen! Was die meisten Menschen nicht glauben können: nach einem kleinen Schläfchen wachen wir ganz von selbst wieder sauber auf. Wo der ganze Dreck wohl bleibt?

Diese Woche waren wieder viele Besucher da, alle waren wieder so lieb zu uns. Manche haben uns sogar Spielzeug mitgebracht - ich hoffe, dass das nicht als Bestechung gemeint war, denn jeder hatte schon auf einen bestimmten von uns ein Auge geworfen. Frauchen hat mit uns schon das Autofahren geübt, immerhin haben die meisten von uns ja eine längere Reise vor sich. Das war auch lustig, dieses Ding hat so komische Geräusche gemacht, gebrummt und geschaukelt, aber das macht uns nichts aus, wir lieben ja auch unsere Hängeschaukel.

Jetzt muss ich aber schauen, dass wir alle ins Körbchen kommen, morgen gibt`s großes Fotoshooting und Mama, Oma usw. rollen schon die Augen und meinen, das wird richtig anstrengend. Gute Nacht!

Das war wieder eine lustige Woche! So viele Leute kamen zu Besuch! Meine Geschwister und ich könnten uns zerkugeln - da stehen diese großen Ungetüme die sie Menschen nennen vor uns und geben sooo komische Laute von sich! Vor allem die Weibchen haben da ein großes stimmliches Repertoire - spitze, schrille "ach wie süß!" Schreie, "maaaaa!" Quietscher und alles so Zeugs. Die Männchen sind eher zurückhaltend, aber die gehen halt nicht so aus sich raus. (Kommt bei uns Hunden nicht vor, da lassen sich die Männchen haltlos gehen...). Aber im großen und ganzen sind diese Menschlein recht brauchbar. Sie setzen sich zu uns in die Wiese, kuscheln mit uns - auch dabei machen sie wieder so komische Geräusche, "dudududu", "jajajaja", "wo ist denn das Hundi". Ich habe mir aber sagen lassen, dass sie das bei den Menschenkindern auch so machen. Wenn wir uns dabei schon vor Lachen zerkugeln, was denkt sich da so ein kleines Menschlein dabei? Aber irgendwie können diese Menschen gar nicht anders, wenn sie was Liebes, Kleines, Süßes, Herziges (also alles das, was wir selbstverständlich sind) sehen, denn unser Frauchen kriegt ja auch zwischendurch solche Anfälle...  Sie kann aber auch anders und startet schon ab und an einen Versuch, uns "erziehen" zu wollen - haha! Wir sind 11!!!!! Da hat sie keine Chance! Nur wenn Mama streng blickt, können wir zur Salzsäule erstarren. Da wissen wir: jeder Versuch, sich zu widersetzen, hat klare Konsequenzen.

Obwohl wir ja einen Riesengarten zum Spielen und Toben haben, wird uns schön langsam langweilig. Unsere UrUr-Oma, Ur-Oma usw., Tanten, Uropa.... besuchen uns ja auch regelmäßig und wir können sie ein bißchen ärgern (bei einigen gelingt das recht gut), aber irgendwie verspüren wir jetzt schon einen Drang, uns als kleine Welteroberer zu versuchen. Da wir ja bei den Besuchen immer gut zuhören, wissen wir, dass wir bald umziehen werden. Einerseits freuen wir uns riesig, andererseits haben wir so den Verdacht, das wir dann nicht mehr alle zusammen sein können. Und ich glaube, unsere Mama werden wir dann auch nicht mehr so oft sehen. Aber eine Weile dürfen wir noch die unbeschwerte Welpenzeit gemeinsam genießen, bevor der Ernst des Lebens beginnt...  

Da wir ja jetzt schon sehr abenteuerlustig sind, dürfen wir auf den großen Spielplatz. Jööö, da gibt es viel zu tun! Da ist sooo viel Gras, wir bemühen uns wirklich, alles umzugraben, um uns in der kühlen Erde zu wälzen, aber wenn ihr mich fragt, wir werden das nicht schaffen...  Da stehen auch so komische Sachen herum, die Menschen nennen es Wippe, Schaukel usw. Mama hat uns alles gezeigt und wir haben gleich alles ausprobiert, echt cool! Eine meiner Schwestern hat gleich den "Laufsteg" erobert, also wenn ich mir fragt, die wird sicher mal ein Model! Wie die da drübergetänzelt ist, einfach super! Am Ende ist sie stehen geblieben und hat in die Runde geschaut, aber keiner hat geklatscht...

Abgesehen von den üblichen Unannehmlichkeiten wie diesen blöden Tabletten gegen Würmer, wie sie sagen (als ob wir Würmer hätten, tzzz) und der Pfotiküre war das echt eine coole Woche. Wir durften erstmals Besuche empfangen. Unsere Tante Kiana, die uns heiß und innig liebt, hatte uns gewarnt: "seid ja nicht lieb und nett, benehmt euch total eklig oder stellt euch schlafend, denn dann will euch keiner. Die vielen Menschen, die da kommen, haben nämlich nur eines im Sinn: eines Tages kommen sie wieder und nehmen euch mit. Also benehmt euch wie kleine Monster, dann könnt ihr alle hierbleiben." Unsere beiden Großtanten aus der Schweiz, die gerade auch zu Besuch sind, gaben uns den Rat: "seid ganz lieb und artig, setzt einen schmachtenden Blick auf (fällt einem Golden ja nicht schwer), sucht euch einen Menschen aus, der euch besonders gefällt. Dann dürft ihr in ein neues Heim übersiedeln, werdet verwöhnt und verhätschelt, seid die Nummer 1, erlebt so viel Neues und Aufregendes, es ist der Himmel auf Erden".  Also was jetzt? Wir waren total verwirrt. Wie sollten wir uns jetzt verhalten? Aber das ganze Nachdenken und Überlegen war sowieso umsonst, denn als dann diese netten Leute kamen und mit uns spielten und mit uns kuschelten, konnten wir sowieso nur unserem Instinkt folgen. Es war wirklich lustig!

Lustig waren auch die Ratschläge und Erziehungstipps, die Frauchen diesen Leuten gab. Wenn wir laut lachen könnten hätten wir`s getan. Ehrlich gesagt kann sie sich das sparen! Wir wissen doch genau, wie wir es anstellen müssen. Da hat Mensch die besten Vorsätze und wir brauchen nur unseren treuherzigsten Blick aufzusetzen und alles ist vergessen. Gewußt wie!